Jun
19
2012

Wie Sie die 4 größten Fehler in der Hundeerziehung vermeiden

Die meisten Hundehalter denken, alle Fehler zu kennen. Aber zwischen Theorie und Praxis klaffen oft trotzdem gewaltige Lücken. Einige Fehler in unserem Verhalten fallen uns gar nicht auf, weil wir unser Handeln für richtig halten. Bei der Fülle der Berater und Wissensquellen, die teilweise auch widersprüchliche Ansichten dazu präsentieren, kann man schnell durcheinander kommen. Hier möchte ich die meiner Erfahrung nach wichtigsten Erziehungsfehler und -schwächen aufzeigen.

Inkonsequenz

Oft geht man mit guten Vorsätzen an die Sache heran. Wer schon Erfahrungen in der Hundehaltung hat, dem sind Gedanken wie “Diesmal werde ich von Anfang an darauf achten, dass er perfekt an der Leine läuft.” nicht fremd. Wir lernen mit jedem neuen Hund noch etwas dazu, greifen auf altbewährte Strategien zurück und lassen auch neue Erkenntnisse einfließen. Soweit so gut, aber das Unterfangen scheitert an der Inkonsequenz des Halters. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass vor allem die Leinenführigkeit vielen Menschen Probleme bereitet – hier durchgehend konsequent und geduldig zu sein ist schwierig. Irgendwann hat man es doch mal eilig und nimmt die Vorsätze nicht mehr so genau. Egal welche Strategie Sie bei der Leinenführigkeit anwenden (Richtung wechseln, Leckerchen, Stehenbleiben, usw.) – sie alle kosten konsequent angewendet Zeit, Nerven und Kraft. Aber auch in anderen Erziehungsbereiche kann man dies beobachten. Heute war ich besonders stolz auf meinen Hund, oder ich habe besonders gute Laune oder bin besonders kuschelbedürftig… na dann darf der Hund heute mal aufs Sofa/Bett/den Sessel. Schon haben Sie möglicherweise durch eine kleine Ausnahme den Lernerfolg von Wochen niedergemacht. Ihr Hund weiß nicht, was eine Ausnahme ist. Inkonsequentes Verhalten verwirrt ihn und möglicherweise lässt es ihn auch an Ihnen zweifeln.

Wenn Sie mit dem Leinelaufen Schwierigkeiten haben, dann richten Sie Alternativen ein. So können Sie sich zum Beispiel ein Geschirr und ein Halsband zulegen. Das Halsband nutzen Sie wenn sie konsequent Gassi gehen wollen und das Geschirr, wenn Sie es eilig haben. Gleiche gilt für verbotene Möbel, wenn Sie mehrere Sofas haben können Sie zum Beispiel eines auswählen, auf das ihr Hund klettern darf, während die anderen Sofas Tabu sind. Die Sitzmöbel müssen aber unterscheidbar sein und dürfen nicht wechseln. Sie können erlaubte Liegeplätze zum Beispiel auch mit einer Hundedecke markieren.

Konsequenz in der Hundeerziehung ist auch in den Kommandos sehr wichtig. Ich beobachte sehr oft, dass Halter ihren Hund mit zwei oder drei verschiedenen Vokabeln für das selbe Kommando bombardieren und sich dann darüber ärgern, dass der Hund unruhig wird und der Anweisung nicht folgt. Wenn Sie Ihrem Hund “Sitz” beigebracht haben, dann ist ein langer Satz wie “Jetzt mach doch endlich mal Sitz verdammt!” für ihn schwierig umzusetzen, da er den Befehl erst herausfiltern muss und ihre Aufregung ihn zusätzlich verunsichert. Wenn Sie dann noch weitermachen mit “Du sollst dich hinsetzen!” schwindet die Erfolgsaussicht noch weiter. Für Ihren Hund sind “Hinsetzen” und “Sitz” zwei völlig verschiedene Vokabeln. Seien Sie konsequent in Ihren Vorgaben, Handlungen und in Ihrer Sprache.

Vermenschlichung des Hundeverhaltens

Wer die Sendungen von Martin Rütter kennt, hat diesen Punkt sicherlich bereits verinnerlicht. Wir behandeln Hunde zum Teil viel zu sehr wie Menschen und machen den Fehler, ihr Verhalten im Gegenzug auch wie das eines Menschen zu interpretieren. Viele Halter mit denen ich gesprochen habe, glauben zum Beispiel, dass ihr Hund ein Schuldbewusstsein hat. Sie begründen es damit, dass der Hund sich unterwürfig verhält, wenn sie nach Hause kommen und ihre neuen Schuhe zerkaut vorfinden. Meiner Meinung nach zeigt der Hund dann unterwürfiges und ausweichendes Verhalten, weil er die Verärgerung und Aufgebrachtheit des Menschen spürt, nicht aber weil er sich schuldig im Bezug auf die zerkauten Schuhe fühlt. Selbst wenn wir nicht toben und schreien, kann der Hund durchaus unseren Gemütszustand einschätzen, Hunde haben ein gutes Gehör, sie beobachten unsere Mimik und Gestik, wahrscheinlich können sie auch einen schnelleren Puls wahrnehmen. Wir sollten daher nicht automatisch davon ausgehen, dass Normen des menschlichen Verhaltens auf unsere Hunde anwendbar sind.

Vermenschlichung hängt auch wieder mit unserem Sprachgebrauch gegenüber dem Hund zusammen. Oft ist es besser, keine zu langen Sätze mit dem Hund zu sprechen, zumindest wenn es darum geht, Kommandos zu geben oder ihn zu erziehen. Es spricht nichts dagegen, wenn Sie ihrem Hund auch mal etwas erzählen, wie sie es bei einem guten Freund tun würden. Jedoch in Situationen in denen Sie Gehorsam erwarten, sollten Sie Ihre Sprache dem Hund anpassen und nicht erwarten, dass sich Ihr Hund Ihnen anpasst.

Über- bzw. Unterforderung

Hunde zeigen manchmal Verhaltensweisen, die für uns ärgerlich sind (Dinge zerstören) oder die wir lustig finden (eigenen Schwanz jagen) oder die uns besorgt stimmen (eigene Pfoten ankauen). Vieles davon lässt sich auf Fehler des Menschen im Umgang mit dem Hund zurückführen. Hunde zerstören meist nicht aus purer Zerstörungslust oder weil sie ihren Menschen ärgern wollen, sondern eher weil sie kein anderes Ventil haben. Hunde, die Schuhe oder Möbel anknabbern, den Garten umgraben usw. sind häufig einfach unterfordert. Vielleicht gehen Sie nicht oft genug mit ihm spazieren oder bieten zu wenig geistige Beschäftigung an. Vielleicht sind die Spaziergänge auch nur zu kurz oder zu eintönig (immer die selben Strecken). Hunde freuen sich über Abwechslung.

Einige Halter überfordern ihre Hunde auch – oft ohne es zu ahnen. Das kann auftreten, wenn Trainingseinheiten zu lang gestaltet werden oder wenn viel zu wenig gelobt wird. Es kann aber auch sein, dass ein Hund durch äußere Einflüsse, die nicht direkt mit ihm zu tun haben, überfordert ist. Beispielsweise wenn ein wichtiges Familienmitglied auszieht, wenn ein Welpe ins Haus kommt oder ähnliches. Hunde sind Individuen und somit alle anders. Bei meiner inzwischen verstorbenen Hündin “Minnie” war es zum Beispiel so, dass Sie direkt nach der Trennung meiner Eltern und dem damit verbundenen Auszug der Elternteile anfing, sich die Pfoten blutig zu beißen und zu lecken. Wir vermuteten erst eine Allergie oder ähnliches, jedoch gab es keine physischen Ursachen. Wir widmeten ihr von da an mehr Aufmerksamkeit um sie abzulenken und an die neue Situation zu gewöhnen – mit dem Ergebnis, dass das verletzende Verhalten wieder aufhörte. Über- oder Unterforderung kann somit körperlich sein, aber auch psychisch.

Falsch mit Lob, Bestärkung oder Strafe umgehen

Dieses Thema hat indirekt mit Konsequenz zu tun, hat aber noch andere Facetten auf die ich hier gesondert eingehen möchte. Grundsätzlich sind Strafen in der Hundeerziehung meiner Ansicht nach fehl am Platz und sollten wenn überhaupt dann nur in seltenen und gravierenden Fällen zum Einsatz kommen. Und dann auch nicht in Form von Prügeln, sondern dosiert und umsichtig – also eher als  Zurechtweisung oder Korrektur. Ignoranz kann beispielsweise in vielen Situationen ein gutes Mittel sein, um unerwünschtes Verhalten zu tadeln.

Viele Menschen in meinem Umfeld wenden sich inzwischen eher dem System der positiven Bestärkung zu, was eine gute Entwicklung ist. Jedoch gibt es auch hier viele Fehler, die unser Verhalten aus Sicht des Hundes unlogisch und inkonsequent erscheinen lassen. Viele Halter rufen ihren Hund zum Beispiel, und wenn er dann kommt bestrafen sie ihn erstmal für etwas, das er direkt vor dem Rufen getan hat oder gar weil er zu langsam auf das Rufen reagiert hat. Was ist der Lernerfolg des Hunde? Ich werde gerufen, ich komme, ich werde bestraft. Also? Nächstes Mal komme ich gar nicht erst, oder lasse mir noch mehr Zeit. Loben Sie also die unmittelbare Aktion und strafen Sie nicht für vergangene (falsche) Verhaltensweisen – wobei “vergangen” für den Hund bereits bei ca. 5 Sekunden beginnt. Für Lob und Tadel gilt – es muss direkt auf die Aktion folgen, am besten innerhalb von drei Sekunden. Natürlich kommt man nicht umhin, den Hund auch manchmal zu rufen um ihn dann anzuleinen und somit den Spaß aus Sicht des Hundes zu beenden. Steuern sie dagegen indem Sie Ihren Hund auch vorher schon ab und an zu sich rufen und belohnen Sie ihn mit einem Spiel oder einem Leckerchen für sein gutes Verhalten. Wenn er gar nicht kommen will, warten Sie einen Moment ab, in dem er Sie nicht im Blickfeld hat und verstecken Sie sich. Dies zeigt besonders bei jungen Hunden Erfolg, da diese trotz des Dickkopfs noch recht abhängig sind. Sollte der Hund trotzdem nicht nach Ihnen suchen (und sie dann zukünftig mehr im Blick behalten bzw. schneller auf Sie reagieren), verwenden Sie in Zukunft eine Schleppleine zur Erziehung.

Ein weit verbreiteter Erziehungsmythos unter Hundehaltern ist die Annahme, dass man den Hund besser zur Stubenreinheit erzieht, wenn man dessen Nase in sein gemachtes Geschäft drückt. Völliger Quatsch. Aus diesem Verhalten Ihrerseits kann Ihr Hund keine passende Schlussfolgerung ziehen. Im schlimmsten Fall wird er denken, Sie wollen prinzipiell nicht, dass er sein Geschäft macht. Dann wird er es vielleicht extra lange herauszögern, was Ihnen wiederum Ärger bereitet, weil Sie nicht sechs Stunden lang Gassi gehen wollen. Versuchen Sie, Ihr Verhalten aus Hundesicht zu betrachten und einzuschätzen, so erkennen Sie einfacher, wo und wann ein Lob angebracht ist.

 

2 Kommentare+ Add Comment

  • Hallo Vidora,

    vielen Dank für diesen tollen und umfassenden Artikel. Ich finde es toll, dass du so ausführlich zu diesem wichtigen Thema informierst.
    Weiterhin viel Erfolg und alles Liebe,
    Rieke

  • Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Vielen Dank für den ausgezeichneten Artikel.

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